Erfolgsaussichten

Nach langem Zögern und Zaudern habe ich endlich die Termine für möglichen Publikumsverkehr festgelegt und die Anspannung wächst.
Ich habe Angst.
Nicht vor dem Scheitern. Daran bin ich gewöhnt. Wenn niemand kommt, bleibt alles wie es ist und ich kann so weiter machen wie bisher.
Ich habe Angst vor dem Erfolg.
Zuerst einmal davor Horden fremder Menschen in meinem Atelier herumstehen zu sehen, kommunizieren zu müssen, weil diese Menschen ja wegen mir gekommen sind.
Doch ich habe auch Angst davor finanziell erfolgreich zu werden, meine Bilder zu einem angemessenen Preis verkaufen zu können. Natürlich tagträume ich auch von diesem finanziellen Erfolg, kaufe in Gedanken dieses und jenes. Unter und hinter diesen Tagträumen ist mir aber bewusst, dass sich mein gesamtes Leben dadurch verändern würde.
Wie genau diese Veränderungen aussehen würden, kann ich mir nicht vorstellen. In meinen Gedanken gibt es nur Möglichkeiten und Spekulationen darüber und viele davon gefallen mir nicht. Mich um Steuern, Versicherungen, Verbindlichkeiten, Verkäufe und den gesamten Rest an Verpflichtungen kümmern zu müssen, macht mir Angst.
Genau daran bin ich in der Vergangenheit oft gescheitert. Dieses Korsett an Verantwortlichkeiten ist mir zu eng. Auto zu fahren ist zwar bequem, aber ein Auto zu besitzen bedeutet auch sich ständig um Benzin, Öl, Reifen etc. kümmern zu müssen. Was für viele Menschen als Freiheit gilt, ist für mich eine Last.
Zum Glück sind die Aussichten auf Erfolg nicht nur düster, sondern auch gering. Welcher Kunstkäufer verirrt sich schon ins Hinterland.

Trotzdem ist mein Atelier nun jeden 1. und 3. Sonntag im Monat von 14:00 bis 18:00 Uhr für Interessenten geöffnet.

Endlich Kunst?

Auch wenn es noch ein paar kleinere und größere Baustellen gibt, ist der Engelberg jetzt vollständig renoviert. Ich darf mich nun wieder meinem Beruf zuwenden, dem kreativen Allerlei, das man allgemein als Kunst bezeichnet.
Im Prinzip ändert sich wenig. Ob ich eine Wand oder eine Leinwand mit Farbe bedecke, ist für mich kein großer Unterschied. Kunst zu produzieren ist für mich eine ganz normale Arbeit. Oder umgekehrt eine Wand zu streichen ein kreativer Akt.
Es war und ist diese mir innewohnende Kreativität, die mich an der normalen Arbeitswelt scheitern ließ, für die Produktivität und nicht Intensität Priorität hat. Ich kann nicht tagein, tagaus emotionslos Waren für die Profitmaximierung herstellen, um dann nach Feierabend Kunst zu machen. Für mich ist die innere Verbundenheit mit meiner Tätigkeit wichtiger als das Ergebnis.
Deshalb ist es mir auch egal, ob mein Werk einen Platz in den Geschichtsbüchern findet. Ob es Kunst ist oder nicht. Ich tue, was ich kann und freue mich darüber auf dem Engelberg endlich ein richtiges Atelier nutzen zu können.
Die Spiele können beginnen.

Eigenarten

Auch wenn Eumelchen zu den wenigen Menschen gehört, mit denen ich zusammenarbeiten kann, mache ich am liebsten alles allein. Das war schon immer so, jedenfalls so lange ich mich erinnern kann. Im Team zu arbeiten fällt mir schwer. Nicht auf der technischen Ebene, sondern auf der emotionalen. Das machte mich schon in der Schule zum Eigenbrötler, in der Lehre zum Außenseiter, im Arbeitsleben krank.
Ich mache alles auf meine eigene Weise, habe meine eigene Ordnung, meine eigene Struktur. Alles, was in diese eigene Ordnung eingreift, belastet mich, bringt mich aus dem Takt, nimmt mir die Freude, die Lust am Werk. Schon ein am falschen Platz liegendes Werkzeug sorgt für Frustration. Allerdings auch dann, wenn ich es selbst falsch abgelegt habe.
Ein anderer Aspekt ist der spielerische Ansatz, mit dem ich auch ernsthafte Tätigkeiten ausführe. Ich arbeite nicht nach Plan. Auch dann nicht, wenn ich mir selbst einen gezeichnet habe.
Pläne, Rezepte oder Bedienungsanleitungen sind für mich Orientierungshilfen, keine Dogmen. Das kann man zwar kreativ nennen, macht die Zusammenarbeit mit anderen aber schwierig.
Alles zusammen hat mich zum Künstler werden lassen. Nicht wegen der Kunst, diesem heiligen Gral der kreativen Menschen. Die Kunst ist mir egal, auch wenn ich schöne Werke mag und mein tägliches Brot gerne mit meiner Arbeit finanzieren würde. Doch mich Künstler zu nennen ist der einzige Weg anderen Menschen meine Eigenarten zu erklären.

Biedenkopf

Das einzig Lustige an Biedenkopf ist die Skulptur vor dem Rathaus. Menschen mit nur einer halbwegs ähnlichen Ausstrahlung habe ich dort bisher noch nicht gesehen. Die ganze Stadt scheint an Schwermut zu leiden.
Ein Großteil der Gewerbeflächen steht leer, ein monströses Kriegerdenkmal auf dem Marktplatz verdirbt den Blick auf die in Werbeprospekten angepriesenen Fachwerkhäuser, viel zu viele Autos in den engen Gassen zerstören auch die hartnäckigste Illusion von Romantik. Sollte sich tatsächlich ein Tourist in diese Stadt verirren, wird er wohl baldmöglichst wieder abreisen.
Wir müssen leider immer ein paar Stunden warten, noch dazu im überall gleichen, gesichtslosen Gewerbegebiet, bis der Bürgerbus uns wieder zurück ins schöne Engelbach bringt.
Das hat er zum Glück dann auch getan.