Alltag

Gibt es einen Alltag ohne Struktur? Wieviel Struktur ist notwendig, um einen Alltag zu erzeugen? Sind Strukturen schuld daran, wenn wir Tage als Alltag wahrnehmen?
Auch in meinem Leben gibt es Strukturen, sich täglich wiederholende Abläufe. Doch ich kenne keinen Alltag. Jeder Tag ist neu, ist anders.
Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht genug Strukturen in meinem Tag habe. Mich treibt kein Wecker aus dem Bett, keine Stechuhr zum Dienstbeginn.
Ob, wann und was ich arbeite entscheide ich selbst. Ich arbeite deshalb nicht weniger als ein Lohnsklave im Hamsterrad der Wirtschaft. Doch ich darf im Einklang mit meinem eigenen Rythmus arbeiten. Ob eine neue Fotomontage, ein Labyrinth oder eine Komposition entsteht bestimmt kein Boss, sondern allein mein Gefühl.
Ich denke das ist genau das, was meinen Alltag von dem der meisten Menschen unterscheidet, ihm das Grau nimmt, ihn zu einem weiteren Tag im All, im alles ist möglich macht.

Endlich Kunst?

Auch wenn es noch ein paar kleinere und größere Baustellen gibt, ist der Engelberg jetzt vollständig renoviert. Ich darf mich nun wieder meinem Beruf zuwenden, dem kreativen Allerlei, das man allgemein als Kunst bezeichnet.
Im Prinzip ändert sich wenig. Ob ich eine Wand oder eine Leinwand mit Farbe bedecke, ist für mich kein großer Unterschied. Kunst zu produzieren ist für mich eine ganz normale Arbeit. Oder umgekehrt eine Wand zu streichen ein kreativer Akt.
Es war und ist diese mir innewohnende Kreativität, die mich an der normalen Arbeitswelt scheitern ließ, für die Produktivität und nicht Intensität Priorität hat. Ich kann nicht tagein, tagaus emotionslos Waren für die Profitmaximierung herstellen, um dann nach Feierabend Kunst zu machen. Für mich ist die innere Verbundenheit mit meiner Tätigkeit wichtiger als das Ergebnis.
Deshalb ist es mir auch egal, ob mein Werk einen Platz in den Geschichtsbüchern findet. Ob es Kunst ist oder nicht. Ich tue, was ich kann und freue mich darüber auf dem Engelberg endlich ein richtiges Atelier nutzen zu können.
Die Spiele können beginnen.

Eigenarten

Auch wenn Eumelchen zu den wenigen Menschen gehört, mit denen ich zusammenarbeiten kann, mache ich am liebsten alles allein. Das war schon immer so, jedenfalls so lange ich mich erinnern kann. Im Team zu arbeiten fällt mir schwer. Nicht auf der technischen Ebene, sondern auf der emotionalen. Das machte mich schon in der Schule zum Eigenbrötler, in der Lehre zum Außenseiter, im Arbeitsleben krank.
Ich mache alles auf meine eigene Weise, habe meine eigene Ordnung, meine eigene Struktur. Alles, was in diese eigene Ordnung eingreift, belastet mich, bringt mich aus dem Takt, nimmt mir die Freude, die Lust am Werk. Schon ein am falschen Platz liegendes Werkzeug sorgt für Frustration. Allerdings auch dann, wenn ich es selbst falsch abgelegt habe.
Ein anderer Aspekt ist der spielerische Ansatz, mit dem ich auch ernsthafte Tätigkeiten ausführe. Ich arbeite nicht nach Plan. Auch dann nicht, wenn ich mir selbst einen gezeichnet habe.
Pläne, Rezepte oder Bedienungsanleitungen sind für mich Orientierungshilfen, keine Dogmen. Das kann man zwar kreativ nennen, macht die Zusammenarbeit mit anderen aber schwierig.
Alles zusammen hat mich zum Künstler werden lassen. Nicht wegen der Kunst, diesem heiligen Gral der kreativen Menschen. Die Kunst ist mir egal, auch wenn ich schöne Werke mag und mein tägliches Brot gerne mit meiner Arbeit finanzieren würde. Doch mich Künstler zu nennen ist der einzige Weg anderen Menschen meine Eigenarten zu erklären.

Arbeit macht krank

Siebenunddreißig Jahre lang habe ich mich mit der hochgelobten Tugend der Lohnsklaverei plagen müssen, oft nach dem gleichen Muster: Hochmotivierter Anfang, spannende Erfahrungen in der Anfangszeit, nach wenigen Wochen Langeweile, zunehmender Alkoholkonsum, Absturz.
Selten hielt ich die Gefangenschaft im Hamsterrad länger als drei, vier Monate aus. Danach erlebte ich eine Phase der Depression, verzweifelte an der Aussichtslosigkeit dem Wahn eines Systems zu entkommen, dass nur jenen, die dem Diktat von Uhr und Kalender gehorchen, Anerkennung und ein menschenwürdiges Dasein zugesteht.
Ich stürzte ab und stand wieder auf, zog als Penner durchs Land, soff und randalierte, zog mich selbst aus diesem Sumpf, nur um wieder von vorne zu beginnen. Der Phönix hat kein leichtes Leben.
Die Erlösung kam 2009.
Eine Gutachterin erkannte, dass ich nicht in die moderne Arbeitswelt passe, dort krank werde und attestierte mir chronische Arbeitsunfähigkeit. Seitdem bin ich geheilt. Ich trinke keinen Alkohol mehr, habe nur selten einen kurzen depressiven Schub, den ich als melancholischen Tag einfach annehmen kann, werde täglich zufriedener.
Ich muss nicht mehr arbeiten und kann etwas schaffen.