Eigenarten

Auch wenn Eumelchen zu den wenigen Menschen gehört, mit denen ich zusammenarbeiten kann, mache ich am liebsten alles allein. Das war schon immer so, jedenfalls so lange ich mich erinnern kann. Im Team zu arbeiten fällt mir schwer. Nicht auf der technischen Ebene, sondern auf der emotionalen. Das machte mich schon in der Schule zum Eigenbrötler, in der Lehre zum Außenseiter, im Arbeitsleben krank.
Ich mache alles auf meine eigene Weise, habe meine eigene Ordnung, meine eigene Struktur. Alles, was in diese eigene Ordnung eingreift, belastet mich, bringt mich aus dem Takt, nimmt mir die Freude, die Lust am Werk. Schon ein am falschen Platz liegendes Werkzeug sorgt für Frustration. Allerdings auch dann, wenn ich es selbst falsch abgelegt habe.
Ein anderer Aspekt ist der spielerische Ansatz, mit dem ich auch ernsthafte Tätigkeiten ausführe. Ich arbeite nicht nach Plan. Auch dann nicht, wenn ich mir selbst einen gezeichnet habe.
Pläne, Rezepte oder Bedienungsanleitungen sind für mich Orientierungshilfen, keine Dogmen. Das kann man zwar kreativ nennen, macht die Zusammenarbeit mit anderen aber schwierig.
Alles zusammen hat mich zum Künstler werden lassen. Nicht wegen der Kunst, diesem heiligen Gral der kreativen Menschen. Die Kunst ist mir egal, auch wenn ich schöne Werke mag und mein tägliches Brot gerne mit meiner Arbeit finanzieren würde. Doch mich Künstler zu nennen ist der einzige Weg anderen Menschen meine Eigenarten zu erklären.

Spinnen

Was man in diesem Haus eher nicht haben sollte, ist eine Spinnenphobie. Glücklicherweise bin ich zwar einigermaßen davon verschont geblieben, es gibt aber leider eine Ausnahme: Winkelspinnen.
Irgendetwas an deren gedrungenen Körperform und hektischen Fortbewegungsweise versetzt mir einen Adrenalinstoß der unangenehmsten Art – da sie aber im Grunde genauso harmlos wie andere Spinnenarten dieser Breiten sind und gerade im Keller häufiger vorkommen, hoffe ich sehr diese irrationale Panik durch kontinuierliche Konfrontation mit der Zeit überwunden zu kriegen.

Deutlich häufiger vertreten auch im Rest des Hauses sind jedoch Zitterspinnen: Da diese sich im Vergleich zu ihren Kolleginnen durch eine geradezu stoische Phlegmatik auszeichnen und auch über deutlich filigranere Körper verfügen, hat es mich zugegebenermaßen etwas überrascht festzustellen, dass Zitterspinnen es schaffen Winkelspinnen zu erlegen.
Wikipedia liefert als Erklärung: „Zitterspinnen weben unregelmäßige und diffuse Raumnetze dreidimensionaler Ausdehnung und von beträchtlicher Größe, durch die sie sich geschickt fortbewegen und die sie in die Lage versetzen, auch wesentlich größere Tiere zu überwältigen.“

Und es ist ja schon ein recht beeindruckender Anblick, wie die Räuberin hier über der schon eingewebten Beute thront (der einmal mehr deutlich macht, dass Natur eben eines nicht ist – friedlich):

Wegelagerer

Mal mehr und mal weniger versteckte „Wegrand“-Fundstücke.

[Auch wenn weder ich noch meine einfache Digitalkamera Makroaufnahme-Genies sind geschweige denn eine sonderliche Bildnachbearbeitungskompetenz vorliegt :-).]

Blüten, Blätter, Beeren

Pilze in allen Farben und Formen

Dies & das

Alltag

Meine wilden Jahre sind lange vorbei. Ich suche mich nicht mehr in Exzessen zu vergessen, suche keine Abenteuer mehr.
Doch ich bin noch immer nicht im Alltag angekommen.
Ich weiß nicht, was dieser Alltag ist. So wie Urlaub gehört Alltag zu den Begriffen, die ich zwar rein theoretisch erfassen, aber nicht verstehen kann. Jeder Tag ist neu.
Das beginnt schon am Morgen. Ich erwache nicht immer mit der gleichen Stimmung und auch wenn der Ablauf der ersten Minuten dem an anderen Tagen gleicht, fühlt es sich für mich immer anders an. Ähnlich vielleicht wie gestern oder vor vier Tagen, doch nie identisch. Und genau betrachtet ist auch dieser scheinbar gleiche Ablauf jedes mal anders.
Das bleibt den ganzen Tag so. Äußerlich mag es nur kleine Unterschiede zu anderen Tagen geben, doch gefühlt ist es immer nur jetzt. Jetzt bin ich aktiv oder passiv, gelassen oder gestresst, interessiert oder gelangweilt und abhängig von dieser Stimmung ist auch ein tausendmal geübter Handgriff eine momentane Erfahrung.
Ich ändere mich ständig und so ist auch jeder Tag ein anderer.
Wie schön, dass morgen ein neuer Tag beginnt.

Hello darkness, my old friend

Es gibt sie auch hier noch immer, natürlich, diese Tage, an denen nervlich alles so wund ist, dass es taub erscheint: Depressive Schübe, meine altvertrauten langjährigen Begleiter.

Gründe dafür braucht es keine und selbst wenn, muss es nicht an der Umgebung liegen – Altlasten-Auslöser können ja überall auftreten, manchmal ganz unbewusst: Ich kenne meine zwar einigermaßen, doch das nutzt mir nur eingeschränkt.
Ein wesentlicher Faktor ist wiederkehrend die Diskrepanz zwischen Wollen und Können, Vorstellungen und Tatsachen – das Klammern an Haltpunkten im Außen, weil Innen keiner ist (ein Teil meines Bedürfnisses nach klaren Strukturen und Hangs zum übertriebenen Perfektionismus hat dort seinen Ursprung, als Kompensation und Illusion von Kontrolle): Weiß ich ebenfalls schon lange, doch es aufzulösen bleibt wohl nach wie vor eine Dauerbaustelle.

Natürlich ist es Unsinn zu leiden an Dingen, in Bezug auf die man keinen Einfluss hat, die längst Vergangenheit sind oder schlicht zu den eigenen Gegebenheiten gehören: Ich müsste lügen, würde ich behaupten ich käme mir nicht selbst lächerlich dabei vor.
Doch die Depression ist wie ein bockiges Kleinkind, vollkommen unzugänglich für jegliche Argumente.

Was bleibt?
Ist sie stur, dann bin ich eben sturer.

Denn irgendwie muss es ja weitergehen, muss sich gekümmert werden um all die Aufgaben, die einem das Leben nun einmal unablässig vor die Füße wirft.
Und ich bin halt wie ich bin, ganz gleich wie unzulänglich und dysfunktional: Die Existenz ist kein Wettbewerb, auch wenn sie oft zu einem gemacht wird.

Ein Funke Galgenhumor blitzt wenigstens zeitweise meist noch hindurch, ansonsten hangele ich mich entlang der dem Tief abgerungenen Atempausen, die mich dankbar sein lassen für den letzten Rest noch nicht vermauerter Berührbarkeit:

Der Heugeruch in der leichten Brise durch’s weit geöffnete Fenster, die Schwalben vor’m Spätsommerdämmerhimmel, die ersten sich verfärbenden Blätter, der aufsteigende Dampf aus den Wäldern, das Plätschern des Baches, das Rauschen von Regen, Hutzeldus Klarinettenspiel im noch leeren Hallzimmer nebenan, die heiße weiße Schokolade vor mir, eine Scheibe selbstgebackenes Anisbrot.

Was ist je realer als einzig der gegenwärtige Moment?
Es genügt.

Träume wachsen langsam

Seit über zwanzig Jahren suche ich nach einem Elfenbeinturm, einem Ort, an dem ich mir ein richtiges Kunstatelier einrichten kann.
Den richtigen Platz dafür habe ich jetzt endlich gefunden.
Noch ist das zukünftige Atelier nur das Zentrallager für die Großbaustelle, mit der wir wohl noch einige Wochen beschäftigt sein werden. Doch erste Pläne lassen die Vorfreude auf die Arbeit in diesem Atelier unaufhörlich wachsen.
Ich bin gespannt, wie dieser Traum sich in der Wirklichkeit anfühlt.

Biedenkopf

Das einzig Lustige an Biedenkopf ist die Skulptur vor dem Rathaus. Menschen mit nur einer halbwegs ähnlichen Ausstrahlung habe ich dort bisher noch nicht gesehen. Die ganze Stadt scheint an Schwermut zu leiden.
Ein Großteil der Gewerbeflächen steht leer, ein monströses Kriegerdenkmal auf dem Marktplatz verdirbt den Blick auf die in Werbeprospekten angepriesenen Fachwerkhäuser, viel zu viele Autos in den engen Gassen zerstören auch die hartnäckigste Illusion von Romantik. Sollte sich tatsächlich ein Tourist in diese Stadt verirren, wird er wohl baldmöglichst wieder abreisen.
Wir müssen leider immer ein paar Stunden warten, noch dazu im überall gleichen, gesichtslosen Gewerbegebiet, bis der Bürgerbus uns wieder zurück ins schöne Engelbach bringt.
Das hat er zum Glück dann auch getan.