Wertungen

Bin ich fleißig, wenn ich mehr als vierzig Stunden in der Woche an meinen Werken schaffe? Oder bin ich faul, weil ich mich der Lohnsklaverei verweigere?
Was sagen fleißig und faul überhaupt über mich aus?
Nichts.
Was wir über Andere denken und sagen zeigt nur, in welcher Matrix wir leben, welche Überzeugungen und Wertungen unseren Geist beherrschen. Es sagt nichts über den Anderen aus, sondern nur über uns selbst.
Fleißig und faul sind keine Werte aus meiner Matrix. Aber ich bin nicht frei von Urteilen, habe wie jeder Mensch eine Werteskala im Kopf. Ich unterscheide z.B. gern zwischen bewusstem Individuum und dummen Rudeltieren.
Auch das ist nur eine Wertung wie fleißig und faul. Auch damit wird eine Seite gut und eine schlecht bewertet. Ich halte das nicht für schlimm. Es ist die Aufgabe des Gehirns zu sortieren.
Schlimm finde ich nur Menschen aufgrund dieser Bewertungen schlecht zu behandeln.
Ich bin auch zu primitiven Rudeltieren freundlich.

Genug

Warum ist genug nicht genug?
Ich habe mehr als genug, eine schöne Wohnung, ein helles, großes Atelier, eine Werkstatt, genug zu essen,  fließendes Wasser, Internet, Strom. Das ist mehr als die Mehrheit der Menschheit besitzt, mehr als ich brauche.
Ich habe lange in deutlich schlechteren Verhältnissen gelebt.
Trotzdem gibt mein Kopf keine Ruhe, sucht immer noch nach Wegen meine Kunst gewinnbringend zu vermarkten, Geld zu scheffeln.
Warum?
Natürlich habe ich Wünsche, ein Bassverstärker, eine bessere Kamera, Bilderrahmen und, und, und. Doch keiner dieser Wünsche ist die Mühe wert, die ich mir wegen dem Verkauf meiner Bilder mache.
Es gibt unerfüllte Träume, der umgebaute Doppeldeckerbus als Festivalcafe, die vier Wochen mit guten Musikern im Tonstudio und auf Tournee. Doch das sind Träume eines jüngeren Mannes. Heute bin ich froh über mein geruhsames Leben auf dem Land.
Warum also kann ich es nicht lassen über Vermarktungsstrategien und Bewerbungsschreiben nachzudenken? Es gibt keinen sichtbaren Grund dafür. Mich plagt keine Not, keine Zukunftsangst, keine Gier. Auch das Bedürfnis nach gesellschaftlicher Anerkennung, nach Ruhm und Ehre, kann ich nicht in mir finden.
Ich bin zufrieden mit meinem Leben und suche doch nach mehr.
Ist das der Fluch des Menschseins?
Ist genug nie genug?

Alltag

Gibt es einen Alltag ohne Struktur? Wieviel Struktur ist notwendig, um einen Alltag zu erzeugen? Sind Strukturen schuld daran, wenn wir Tage als Alltag wahrnehmen?
Auch in meinem Leben gibt es Strukturen, sich täglich wiederholende Abläufe. Doch ich kenne keinen Alltag. Jeder Tag ist neu, ist anders.
Vielleicht liegt es daran, dass ich nicht genug Strukturen in meinem Tag habe. Mich treibt kein Wecker aus dem Bett, keine Stechuhr zum Dienstbeginn.
Ob, wann und was ich arbeite entscheide ich selbst. Ich arbeite deshalb nicht weniger als ein Lohnsklave im Hamsterrad der Wirtschaft. Doch ich darf im Einklang mit meinem eigenen Rythmus arbeiten. Ob eine neue Fotomontage, ein Labyrinth oder eine Komposition entsteht bestimmt kein Boss, sondern allein mein Gefühl.
Ich denke das ist genau das, was meinen Alltag von dem der meisten Menschen unterscheidet, ihm das Grau nimmt, ihn zu einem weiteren Tag im All, im alles ist möglich macht.

Erfolgsaussichten

Nach langem Zögern und Zaudern habe ich endlich die Termine für möglichen Publikumsverkehr festgelegt und die Anspannung wächst.
Ich habe Angst.
Nicht vor dem Scheitern. Daran bin ich gewöhnt. Wenn niemand kommt, bleibt alles wie es ist und ich kann so weiter machen wie bisher.
Ich habe Angst vor dem Erfolg.
Zuerst einmal davor Horden fremder Menschen in meinem Atelier herumstehen zu sehen, kommunizieren zu müssen, weil diese Menschen ja wegen mir gekommen sind.
Doch ich habe auch Angst davor finanziell erfolgreich zu werden, meine Bilder zu einem angemessenen Preis verkaufen zu können. Natürlich tagträume ich auch von diesem finanziellen Erfolg, kaufe in Gedanken dieses und jenes. Unter und hinter diesen Tagträumen ist mir aber bewusst, dass sich mein gesamtes Leben dadurch verändern würde.
Wie genau diese Veränderungen aussehen würden, kann ich mir nicht vorstellen. In meinen Gedanken gibt es nur Möglichkeiten und Spekulationen darüber und viele davon gefallen mir nicht. Mich um Steuern, Versicherungen, Verbindlichkeiten, Verkäufe und den gesamten Rest an Verpflichtungen kümmern zu müssen, macht mir Angst.
Genau daran bin ich in der Vergangenheit oft gescheitert. Dieses Korsett an Verantwortlichkeiten ist mir zu eng. Auto zu fahren ist zwar bequem, aber ein Auto zu besitzen bedeutet auch sich ständig um Benzin, Öl, Reifen etc. kümmern zu müssen. Was für viele Menschen als Freiheit gilt, ist für mich eine Last.
Zum Glück sind die Aussichten auf Erfolg nicht nur düster, sondern auch gering. Welcher Kunstkäufer verirrt sich schon ins Hinterland.

Trotzdem ist mein Atelier nun jeden 1. und 3. Sonntag im Monat von 14:00 bis 18:00 Uhr für Interessenten geöffnet.

Endlich Kunst?

Auch wenn es noch ein paar kleinere und größere Baustellen gibt, ist der Engelberg jetzt vollständig renoviert. Ich darf mich nun wieder meinem Beruf zuwenden, dem kreativen Allerlei, das man allgemein als Kunst bezeichnet.
Im Prinzip ändert sich wenig. Ob ich eine Wand oder eine Leinwand mit Farbe bedecke, ist für mich kein großer Unterschied. Kunst zu produzieren ist für mich eine ganz normale Arbeit. Oder umgekehrt eine Wand zu streichen ein kreativer Akt.
Es war und ist diese mir innewohnende Kreativität, die mich an der normalen Arbeitswelt scheitern ließ, für die Produktivität und nicht Intensität Priorität hat. Ich kann nicht tagein, tagaus emotionslos Waren für die Profitmaximierung herstellen, um dann nach Feierabend Kunst zu machen. Für mich ist die innere Verbundenheit mit meiner Tätigkeit wichtiger als das Ergebnis.
Deshalb ist es mir auch egal, ob mein Werk einen Platz in den Geschichtsbüchern findet. Ob es Kunst ist oder nicht. Ich tue, was ich kann und freue mich darüber auf dem Engelberg endlich ein richtiges Atelier nutzen zu können.
Die Spiele können beginnen.

Hutzeldus restliche Zimmer

Erdgeschoss: Galerie

Erster Stock: Schlafzimmer

Erster Stock: Arbeitszimmer

Eigenarten

Auch wenn Eumelchen zu den wenigen Menschen gehört, mit denen ich zusammenarbeiten kann, mache ich am liebsten alles allein. Das war schon immer so, jedenfalls so lange ich mich erinnern kann. Im Team zu arbeiten fällt mir schwer. Nicht auf der technischen Ebene, sondern auf der emotionalen. Das machte mich schon in der Schule zum Eigenbrötler, in der Lehre zum Außenseiter, im Arbeitsleben krank.
Ich mache alles auf meine eigene Weise, habe meine eigene Ordnung, meine eigene Struktur. Alles, was in diese eigene Ordnung eingreift, belastet mich, bringt mich aus dem Takt, nimmt mir die Freude, die Lust am Werk. Schon ein am falschen Platz liegendes Werkzeug sorgt für Frustration. Allerdings auch dann, wenn ich es selbst falsch abgelegt habe.
Ein anderer Aspekt ist der spielerische Ansatz, mit dem ich auch ernsthafte Tätigkeiten ausführe. Ich arbeite nicht nach Plan. Auch dann nicht, wenn ich mir selbst einen gezeichnet habe.
Pläne, Rezepte oder Bedienungsanleitungen sind für mich Orientierungshilfen, keine Dogmen. Das kann man zwar kreativ nennen, macht die Zusammenarbeit mit anderen aber schwierig.
Alles zusammen hat mich zum Künstler werden lassen. Nicht wegen der Kunst, diesem heiligen Gral der kreativen Menschen. Die Kunst ist mir egal, auch wenn ich schöne Werke mag und mein tägliches Brot gerne mit meiner Arbeit finanzieren würde. Doch mich Künstler zu nennen ist der einzige Weg anderen Menschen meine Eigenarten zu erklären.

Spinnen

Was man in diesem Haus eher nicht haben sollte, ist eine Spinnenphobie. Glücklicherweise bin ich zwar einigermaßen davon verschont geblieben, es gibt aber leider eine Ausnahme: Winkelspinnen.
Irgendetwas an deren gedrungenen Körperform und hektischen Fortbewegungsweise versetzt mir einen Adrenalinstoß der unangenehmsten Art – da sie aber im Grunde genauso harmlos wie andere Spinnenarten dieser Breiten sind und gerade im Keller häufiger vorkommen, hoffe ich sehr diese irrationale Panik durch kontinuierliche Konfrontation mit der Zeit überwunden zu kriegen.

Deutlich häufiger vertreten auch im Rest des Hauses sind jedoch Zitterspinnen: Da diese sich im Vergleich zu ihren Kolleginnen durch eine geradezu stoische Phlegmatik auszeichnen und auch über deutlich filigranere Körper verfügen, hat es mich zugegebenermaßen etwas überrascht festzustellen, dass Zitterspinnen es schaffen Winkelspinnen zu erlegen.
Wikipedia liefert als Erklärung: „Zitterspinnen weben unregelmäßige und diffuse Raumnetze dreidimensionaler Ausdehnung und von beträchtlicher Größe, durch die sie sich geschickt fortbewegen und die sie in die Lage versetzen, auch wesentlich größere Tiere zu überwältigen.“

Und es ist ja schon ein recht beeindruckender Anblick, wie die Räuberin hier über der schon eingewebten Beute thront (der einmal mehr deutlich macht, dass Natur eben eines nicht ist – friedlich):